Kinder, die sich ernst genommen fühlen …

Wenn ein Kind vor seinem Playmobil-Auto sitzt und weint, weil es sich nicht in das Auto hineinsetzen kann, dann ist das eine ganz ehrliche und echte Verzweiflung, weil das nicht so funktioniert, wie es sich das gedacht hatte. 

Wenn ein Kind weint, weil Mama/ Papa um die Ecke biegt und aus dem Sichtfeld verschwindet, dann ist das eine ganz ehrliche und echte Angst, weil das Wichtigste plötzlich weg ist.

Wenn ein Kind weint, wenn es eine Person sieht/ von ihr angesprochen/ hochgehoben wird, dann ist das ein ganz ehrlicher und echter Hilferuf, weil es sich mit der Person oder in dieser Situation unwohl fühlt. 

Wenn ein Kind weint, wenn es im Wasser ist und im tiefen Bereich schwimmen soll, dann ist das eine ganz ehrliche und echte Not, weil es sich fürchtet. 

Wenn ein Kind weint, weil es umgefallen/ gestolpert/ hingefallen … ist, dann ist das ein ganz ehrlicher und echter Schmerz, weil das Kind so empfindet (egal, ob es weh tut oder „nur“ der Schreck/Schock ist). 

Wenn ein Kind weint, weil es nicht mehr draußen spielen kann, dann ist das eine ganz ehrliche und echte Enttäuschung, weil es noch so viel vorhatte …

Wie oft hören Kinder dann sowas wie:

„Geh, jetzt stell dich nicht so an!“
„Ach komm, das is ja nicht so schlimm.“
„Was tust du denn so komisch, nur weil ich kurz weg bin, brauchst nicht gleich hysterisch werden.“
„Komm, sei nicht so! Jetzt gib dem Opa ein Bussi.“
„Geh, hör‘ auf und tu weiter jetzt, für solche Spompanadeln hab‘ ich keine Zeit.“

Oder mein „Lieblingssatz“:
„Jetzt sei halt nicht so überempfindlich!“ 

Ihre Wünsche, Ängste, Sorgen und Bedürfnisse werden nicht ernst genommen, im schlimmsten Fall sogar ins Lächerliche gezogen.
Fühlen wir Erwachsene uns jedoch nicht ernst genommen, flippen wir aus. Es schnürt uns den Hals zu, verknotet unseren Magen, lässt uns innerlich kochen oder sogar, wenn es dann zu viel wird, explodieren.

Hm. 

Und warum gehen wir dann mit unseren Kindern so um, wie wir uns selbst nicht behandeln lassen wollen? 

Warum dürfen wir entscheiden, ob etwas für das Kind tragisch ist oder nicht, ob etwas zum Schreien ist oder nicht, ob es sich vor etwas fürchten darf oder nicht? 
Wir spüren doch gar nicht das was das Kind spürt. Wie wissen wir dann, dass es überempfindlich ist?
Wir sehen nicht so wie ein Kind sieht. Wie wissen wir dann, dass es sich etwas einbildet? 
Wir wissen es nicht. Wir stecken nicht in ihrer Haut.

Wir Großen wissen vielleicht, dass uns im tieferen Teil eines Pools kein Krokodil fressen wird, wenn es das Kind aber glaubt, dann ist es nicht unsere Aufgabe, diese Angst lächerlich zu machen, sondern unsere Pflicht, das ernst zu nehmen und dem Kind zu helfen, dieser Angst in seinem Tempo zu begegnen, um sie mit unserer Hilfe zu entmächtigen.

Wir Großen meinen vielleicht, dass der nette Verwandte es nur lieb meint, wenn er dem Kind über den Kopf streicheln will, doch, wenn sich das Kind stattdessen hinter Mamas Rock verkriecht und bis zur Nasenspitze darin verbarrikadiert, wird das einen Grund haben, ganz egal welchen, es will nicht und das ist ernst. Dann ist es nicht unsere Aufgabe, das Kind hervorzuscheuchen und sich etwas gefallen zu lassen, weil sich das so gehört, sondern liegt es in unserer Verantwortung, unserem Küken den nötigen Abstand und Schutz einzuräumen.

Natürlich ist es für uns nicht immer nachvollziehbar oder verständlich, wenn ein Kind blockiert oder in Tränen ausbricht, obwohl es ja „nur“ … hätte sollen …, oder wir ja „nur“ gesagt haben, dass
In solchen Situationen darf man schon mal blöd aus der Wäsche gucken, weil man nicht versteht, „was jetzt so schlimm daran ist“. Besonders wenn der Nachwuchs zum Geschrei der Sirenen ansetzt oder aus dem kleinen Zwuggiduggimuggi ein Hulk auf Ecstasy schlüpft, darf man etwas unrund werden.

Während kleine Kinder meist „nur“ in Lärm und Bewegung eskalieren, womit man noch eher umgehen kann, sind die größeren bereits etwas fortgeschrittener und schießen zusätzlich einige Wortbrocken oder Phrasen von sich, selbstverständlich ziel- und treffsicher, damit man gleich auch noch ordentlich was zu verdauen hat.

Schön! So ein unkontrollierter Ausbruch, eventuell gefolgt von einer persönlichen Attacke, ist doch eine feine Abwechslung von unserem eh viel zu langweiligen Alltag. Das mag doch jeder, oder? Nein?
Das Kind auch nicht, denn genau das ist es in dem Moment auch für das Kind. Ein nicht willkommener Ausreißer aus seinem „persönlichen Alltag“, bzw. etwas, das (momentan) nicht in seine Welt passt, sich nicht gut anfühlt. Wenn man es so betrachtet, erscheint es schon wieder logisch, dass es sich gegen diesen Feind wehrt, mit Händen, Füßen und Stimme.

Als Elternteil oder Erzieher (etc) steht man erstmal blöd da und fragt sich, was bitte um Himmels Willen gerade passiert. Und dann?
Ja, dann überlegt das eigene, innere Kind wahrscheinlich, ob es auch mitbrüllen kann, einfach auf den Boden legen, um sich schlagen und wild alles zusammenschreien, nachdem man aber gelernt hat, sich zu benehmen, regelt man das „wie ein Erwachsener“:
Wenn man es als persönlichen Angriff sieht, wird vermutlich Munition eingefüllt und mit Argumenten zurückgeballert, im Falle von Schuldgefühlen besteht die Möglichkeit, ruhig und (augenscheinlich) von Geduld erfüllt, lang und breit zu erklären, warum und wieso oder nicht und so weiter man jetzt folgende Gründe hat, dieses oder jenes zu tun oder eben zu verbieten, weil man sich wünscht…, da man möchte…, weil es doch gut wäre, wenn…
oder, man greift zur Sarkasmus-Variante und versucht damit diese unangenehme Situation zu beschwichtigen. Sarkasmus ist lustig, wenn man erwachsen ist (und selbst da in Ausnahmesituationen nicht für jeden), bei Kindern hat das allerdings nichts verloren, weil sie dafür (ursprünglich) keinen Steckplatz haben. Sie können es nicht einordnen, weil sie das was man sagt, genau so nehmen, also den „Witz“ darin nicht herausfiltern können. Oder ganz trocken erklärt: Sarkasmus ist hier ein als Spaß getarnter Frontalangriff. Wir entblößen das Kind, indem wir seine Not belächeln und fragen uns dann, warum es (noch mehr) tobt, „ist doch alles nur Spaß“. Das ist wie Räder an einem (noch nicht fertig montierten) Baugerüst anzubringen und dann anzuschubsen, weil’s lustig ist .. mal sehen wie lange es dauert bis es umfällt... Ich persönlich finde das gar nicht witzig, aber ich bin eventuell auch „überempfindlich“.

Prinzipiell zeigt ein Kind seine Emotionen nicht, um uns auf die Nerven zu gehen, oder weil ihm gerade nichts Besseres einfällt, sondern, weil sich da etwas in ihm tut und es unsere Hilfe braucht, damit es lernen kann, herauszufinden, worum es wirklich geht, und zu erkennen, welche(s) Bedürfnis(se) lautstark nach Aufmerksamkeit rufen und wie es diese erfüllen kann. Da kommt etwas sehr Persönliches, sehr Intimes, sehr Individuelles nach Außen und das braucht keinen Vorschlaghammer, sondern Gefühl.

Wir wundern uns, warum Kinder sich gegenseitig auslachen und auspotten, anstatt sich zu unterstützen und die Hand zu reichen? Sie haben es ja nicht anders kennengelernt, weil auch viele von uns es als Kinder selbst nicht erfahren haben, wie es ist, von Erwachsenen, besonders in persönlichen Notsituationen, ernst genommen zu werden. Wenn man nicht weiß, wie es um die eigenen Bedürfnisse steht (oder diese gewohnt ist zu ignorieren, weil sie nie wichtig waren), kann man wahrscheinlich auch nicht sonderlich empathisch auf die des Gegenübers eingehen, bzw., wie soll jemand meine Bedürfnisse respektieren, wenn ich sie selbst nicht wahrnehme?!

Somit reagieren wir oft weder zum Wohle des Kindes noch zu unserem eigenen.
Aber ja. Die Zeiten waren eben anders. Damit ist niemand ein Vorwurf zu machen, sondern wir sollten uns einfach daran erinnern, dass jeder mit seinen Bedürfnissen ernst genommen werden darf.

Zwei unterschiedliche oder mehrere Bedürfnisse von mehreren Personen, kann bedeuten, dass es unterschiedliche Erwartungen oder Wünsche in einer Situation gibt und man daher schauen muss, wie man zu einer zufriedenstellenden Lösung für alle kommt. Die Bedürfnisse eines Kindes sind genau so viel wert wie die eines Erwachsenen, weder schlechter noch uninteressanter. Sie sind nur anders in ihrem Auftreten, nämlich lauter und fordernder. Kinder sind noch nicht so „abgedreht“ wie wir, sie spüren etwas und das platzt ruckzuck aus ihrem Inneren nach Außen, ohne vorher ein strenges Mitarbeitergespräch mit dem Verstand geführt zu haben.

Nun ist alles gut und schön, doch man muss schließlich auch lernen, dass das nicht immer geht, dass man nicht immer bizzeln und plärren kann, dass nicht immer alles nach seinem Schädel gehen kann, dass es auch mal anders kommt, als man es sich vorgestellt hat, dass man auch mal wo durch muss, etc…
Ja, Stimmt. Aber das macht man nicht, indem man rücksichtslos über die Bedürfnisse des Kindes hatscht und ihm erklärt, dass die jetzt keinen interessieren. Das macht man, indem man vielleicht erstmal (kurz) wartet und atmet, tief (oder sehr) tief durchatmet.

Manchmal ist nämlich gerade diese fassungslose, ratlose Ruhe, in der wir uns durch den kindlichen Gefühlsausbruch befinden, das was notwendig ist. Kein Kommentar, kein Beschwichtigen, kein Wiedergutreden, nichts, und damit dem Emotionschaos Platz und Raum geben. Nein, das geht nicht immer, aber viel öfter als wir denken. Wir glauben nur ganz oft, dass wir etwas tun müssen, im Stress sind, dass dafür keine Zeit ist, es Wichtigeres gibt. Aber, das Wichtigste in diesem Moment ist trotzdem der kleine (oder große) Grantlhaufen, der vor uns herumheult/ wütet/ tobt, weil er unsere Aufmerksamkeit will und darauf pocht, seine Bedürfnisse zu erhören.

Ok, schön und gut, aber man hat Termine, Zeitpläne und Verabredungen, die man einhalten muss, da gibt es einen Haushalt und Dinge, die erledigt gehören, es gibt Regeln und Pflichten, man kann doch nicht alles durchgehen lassen, etc…
Ja, stimmt auch. Auf Bedürfnisse eingehen meint nicht, das Kind in Seidentücher zu hüllen, Klangschalenmusik abzuspielen und salbungsvolle Reden zu schwingen, um das Kind zu beruhigen und hoffentlich davon zu überzeugen, dass seine extrovertierte Reaktion nicht notwendig ist und nun beendet werden möge. Auch nicht, dass ich mich als Erwachsener zum Diener und Untertan rekrutiere und dem kleinen Satansbraten alles ermögliche. Nein. Das wäre widersprüchlich, denn so würden wir ja unsere eigenen Bedürfnisse überrollen. Es geht schlicht und einfach um: „Aha, der Nachwuchs will was anderes als ich. O.k. Was tun wir?“.

Sehen. Das Kind in und mit seiner persönlichen Not wirklich sehen und vollkommen ernst nehmen, ob man das, worum es ihm geht, versteht oder nicht. Wenn man das kann, wird es schon viel einfacher, denn in ein weich gepolstertes und geschütztes Nest lässt sich jeder noch so wilde Vogel auffangen. Kinder spüren auf Millionen Kilometer Entfernung, ob man sie ernst nimmt oder (egal, ob offensichtlich oder nur innerlich) belächelt und reagieren darauf. Wenn ein Kind tatsächlich immer wieder absichtlich tobt, mit Vehemenz und Ausdauer blockiert, wo es nur irgendwie geht, dann wurde ihm und seinen Bedürfnissen womöglich schon über einen längeren Zeitraum zu wenig Beachtung geschenkt. Begegnen wir Kindern auf Augenhöhe, werden sie lernen, dass es auch andere Menschen gibt, die auch etwas möchten, vielleicht eben etwas ganz anderes als sie selbst, und werden bereit sein, sich auf einen Mittelweg einzulassen, nachzugeben oder umzuplanen.

Wenn wir also unsere Kinder mit ihren Bedürfnissen nicht für voll nehmen, wie können wir dann erwarten, dass sie unsere ernst nehmen? Und uns geht es doch darum, dass sie verstehen, dass uns in diesem Moment auch etwas wichtig ist und wir etwas möchten, dass sie unsere Bedürfnisse wahrnehmen und akzeptieren, dass sie uns auch sehen...
Wenn wir uns das wünschen, wenn wir möchten, dass diese kleinen Menschen (und andere) uns mit unseren Emotionen und Bedürfnissen ernst nehmen, könnte es sein, dass wir da ein bisschen, ein ganz klein wenig, vielleicht bei uns selbst schauen und hin spüren müssen.

Wie steht es denn um deine Bedürfnisse? Kennst Du sie? Versuchst Du sie zu erfüllen oder sind sie dir nicht so wichtig? Und wie geht es dir in Situationen, die dich aus der Bahn werfen, in denen Du keinen Plan hast, unsicher bist, vielleicht sogar Angst hast und dich in einer persönlichen Not befindest?
Hilft es dir, wenn jemand sagt: „Geh bitte, was jammerst Du? Das geht easy!“, oder: „Was hast du? Angst? Warum? Das ist doch nicht zum Fürchten!!“, oder: „Warum macht dir das Stress? Das mach‘ ich im Vorbeigehen!“?
Oder fühlst Du dich wohl, wenn Du vielleicht sogar ausgelacht wirst, weil deine Angst anderen völlig banal erscheint, immerhin bist du ja erwachsen…?

Ich glaube nicht, dass man sich damit besser fühlt. Also, ich brauche das nicht.
Das bringt uns zur Jackpot-Frage, meiner allerliebsten Lieblingsfrage aus der GfK (Gewaltfreien Kommunikation): Was also brauchst Du?
Was brauchst Du in solchen persönlichen Ausnahmesituationen?
Tolle Frage. (Sarkasmus Ende)

„Ja, wenn ich es nicht weiß!!!“, wollte ich da immer schreien. Ich wusste verdammt nochmal nicht, was man da braucht, schon gar nicht, was das eigentliche Problem (Bedürfnis) hinter all dem Gefühlschaos war. Wusstest Du, dass man überhaupt was brauchen darf, dass es nicht nur o.k., sondern menschlich, absolut normal ist, Bedürfnisse zu haben? Na, ich nicht so ganz … Macht nichts, wir dürfen es mit den Kindern wieder lernen und neu kennenlernen.

Dazu fragen wir gleich andersrum und überlisten unseren Herrn Ach-so-schlau-Verstand:
Was könnte so ein knuddeliges, wuzzeliges, von Emotionen übermanntes Knödelchen (=Kind) brauchen?

Mal sehen…

… Geduld und Raum, um fertig toben zu können?
… einen Ruhepol und in den Arm genommen werden?
… eine Hand zum Festhalten, damit man etwas sicher probieren kann?
… eine kleine Erheiterung, um sehen zu können, ob das Theater wirklich ein Drama ist?

Einmal alles? Und Du möchtest dieses Rundum-Bedürfnis-Versorgungspaket auch?
Verstehe ich! Will ich auch.

Ob klein oder groß, jung oder alt, für andere nachvollziehbar oder nicht, wir dürfen alle ehrlich und aufmerksam wahrgenommen werden, wir dürfen auch jemand brauchen, der uns ernst nimmt und die Hand reicht, damit wir sehen können, ob wir wirklich Angst haben müssen, und uns den Raum gibt, herauszufinden, was wir brauchen, um damit klar zu kommen, und der im Notfall für uns in die Trickkiste greift, unserem riesen Angst-/ Wut-/ Hass-/ ICHWILLDASALLESNICHT- Monster einen Partyhut aufs Hirn klatscht, I like to move it move it aus den Boxen knallt und mit uns gemeinsam die Hüften schwingt, damit wir ganz vergessen uns zu fürchten, zu ärgern, zu granteln, zu toben.

Wir posten, fordern und wollen eine Welt, in der sich Menschen tolerieren, so akzeptieren und respektieren wie sie sind, in der jeder so willkommen ist, wie er nun mal ist, dann sollten wir (mit) den Kindern lernen, wie man das macht. Aber nicht, indem wir Reden schwingen und sagen, was man nicht tun soll, sondern indem wir mit ihnen gemeinsam Empathie, Geduld, Aufmerksamkeit, Respekt und Liebe leben. Das brauchen keine große Taten zu sein, es beginnt alles mit der ehrlichen Aufmerksamkeit auf die eigenen Bedürfnisse und die des Kindes.

Kinder, die sich ernst genommen fühlen, werden ehrlich, aufmerksam, hilfsbereit, respektvoll und tolerant in dieser Welt handeln… 

… und wir Erwachsenen sollten besser jetzt als Morgen damit beginnen, ihre besten Vorbilder zu sein.

#weilglücklichunsallenambestensteht

Herzlichst


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Fotocredit: Stefan Watzinger-Dam